Kleine Schweizer Brot-Geschichte
Brot wird in der Schweiz seit Jahrtausenden gebacken. Das älteste bekannte Brot stammt aus dem Jahre 3530 v. Chr. und wurde 1976 in Twann am Bielersee gefunden. So genannte Pfahlbauer, die ihre Häuser - wie der Name sagt - auf Pfählen an Seeufern oder gar im Wasser bauten, buken auf heissen Steinen flaches Brot, das sie mit Asche bedeckten.
Im frühen Mittelalter waren es vor allem die Klöster, welche über gut ausgerüstete Backstuben verfügten. Der Backofen des Klosters St. Gallen beispielsweise soll so gross gewesen sein, dass 1'000 Laibe Brot gleichzeitig gebacken werden konnten. Neben der grossen Menge an Broten, welche die Klosterbäcker produzierten, war auch die Vielfalt der Gebäcke beeindruckend. So gab es gesäuertes und ungesäuertes Brot aus verschiedenen Getreidesorten, das auch unterschiedlich geformt wurde.
Mit dem Wachstum der Städte und der steigenden Nachfrage übernahmen dann professionelle Bäcker die Brotproduktion. Sie gründeten Zünfte mit strengen Vorschriften für die Qualität der Brote und die Sicherheit der Backöfen. Trotzdem gab es immer wieder Bäcker oder Müller, welche die Vorschriften verletzten. Wurden diese erwischt, konnten sie zur Strafe in einem Korb über eine Jauchegrube gehängt werden. Befreien konnten sich die Missetäter nur, indem sie - vor den Augen vieler Schaulustiger - aus dem Korb in die Grube sprangen.
Reines Weissmehl, das aus dem Mehlkern hergestellt wird, war am begehrtesten und teuersten. (Deshalb kam es auch vor, dass Müller das Weissmehl mit weissem Kalkpulver oder Knochenmehl vermischten...) Etwas weniger teuer war das Mehl, das neben dem Mehlkern auch noch einen Teil der Schale enthielt – auch heute noch bekannt unter dem Namen "Halbweissmehl".
Die armen Menschen mussten sich mit dunklerem Mehl begnügen, das die äusseren Schichten des Korns enthielt. Am weitesten verbreitet war Roggenbrot, etwas weniger häufig wurde Brot auch aus Weizen, Hirse, Hafer und Dinkel hergestellt. Wenn die Ernte mager ausfiel, mussten die Bäcker das Mehl mit anderen Zutaten wie Kastanien, Eicheln, Wurzeln und sogar Sägemehl strecken.
Als das Brot noch die Hauptnahrung der ärmeren Bevölkerung war, wurde viel mehr Brot konsumiert als heute: Im 15. Jhd. assen z.B. die BaslerInnen täglich durchschnittlich ein Pfund Brot. Dokumenten aus dem 16. Jhd. ist zu entnehmen, dass eine Klostermagd zwischen 700g und 950g Brot täglich erhielt. Da sah es 1998 schon ganz anders aus: die SchweizerInnen assen täglich noch 143g Backwaren (d.h. in dieser Zahl sind neben dem Brot auch Kuchen und anderes Gebäck inbegriffen).
Die Ernährungsgewohnheiten haben sich im Laufe der Zeit gewandelt. Im 18. Jhd. wurde Brot immer häufiger in die Rezepte von regionalen Spezialitäten integriert - vor allem in Suppen und Füllungen. Ein sehr bekanntes Schweizer Gericht, das mit Brot gegessen wird - und über dessen genaue Herkunft Unklarheit herrscht -, ist das oder die Fondue (frz. fondre = schmelzen): Brotwürfel werden auf eine Gabel gespiesst, in einer Pfanne mit in Wein geschmolzenem Käse getunkt und anschliessend gegessen.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ging der Brotkonsum stetig zurück. Einerseits hatten die Leute mehr Geld und Möglichkeiten, sich abwechslungsreicher zu ernähren, andererseits wurde auch nicht mehr so viel körperlich anstrengende Arbeit verrichtet. Die Bäcker reagierten jedoch auf die neue Tendenz und passten ihr Angebot den sich verändernden Bedürfnissen an. Das früher hoch geschätzte Weissbrot verlor vor allem in der deutschsprachigen Schweiz an Attraktivität und wurde immer häufiger durch dunkles Brot ersetzt. Der kräftigere Geschmack des dunklen Brotes und das wachsende Gesundheitsbewusstsein der Bevölkerung hat dazu geführt, dass heute nicht mehr nur Bedürftige dunkles Brot essen.
