Die Schweizer Bevölkerung und der Zweite Weltkrieg
Das Schweizer Radio sendete wöchentlich Programme von Jean-Rodolphe von Salis (auf Deutsch) und René Payot (auf Französisch), die auch im besetzten Europa gehört wurden und einen wichtigen Einfluss auf die Meinungsbildung hatten.
Die meisten Schweizer Zeitungen – auch die deutschsprachigen – sympathisierten mit den Alliierten. Viele kirchliche und andere Gruppierungen unterstützten, so gut sie konnten, Flüchtlinge aus Nazideutschland und den besetzten Ländern.
Einer der bekanntesten Flüchtlingshelfer war der St. Galler Polizeidirektor Paul Grüninger, der 3’000 jüdischen Flüchtlingen den Aufenthalt in der Schweiz ermöglichte. Grüninger wurde deswegen verhaftet und erst 1995 – lange nach seinem Tod - rehabilitiert.
Der deutsche Jude Gerhart Riegner, der 1933 in die Schweiz floh, war einer der ersten, der die Weltgemeinschaft darüber informierte, dass die Nazis Pläne zur Vernichtung der Juden verfolgten.
Der grösste Teil der Bevölkerung war gegen die Nationalsozialisten. Die bedeutendste nazifreundliche Partei, die Nationale Front, zählte 1939 gerade 2'300 Mitglieder. 1940 wurde diese Partei verboten.
Trotzdem wurden die Flüchtlinge nicht mit offenen Armen empfangen: wegen der angespannten Wirtschaftslage waren viele Schweizer/-innen nicht erfreut über die Ankunft weiterer Arbeitskräfte.
Ausserdem wird einigen Mitgliedern der Regierung und anderen einflussreichen Persönlichkeiten nachgesagt, sie seien mutlos gewesen oder hätten gar mit den Nazis sympathisiert.
Der Chef der Fremdenpolizei, Heinrich Rothmund, begrüsste 1938 gar die Einführung des ‘J’-Stempels in den Pässen deutscher Juden, „damit man die Juden von den anderen Deutschen unterscheiden könne“. Rothmund vertrat die Ansicht, man müsse verhindern, dass die Schweiz mit Leuten überschwemmt würde, die sich der schweizerischen Lebensart nicht anpassen könnten. Gleichzeitig verurteilte er jedoch die Art und Weise, wie die Nazis ihre jüdische Bevölkerung behandelten.
Das Verhalten der offiziellen Schweiz während des Zweiten Weltkriegs hatte verschiedene Schattenseiten. Besonders kritisiert wird, dass die Schweiz vielen jüdischen Flüchtlingen die Einreise verweigerte. Ausserdem wird der Schweiz vorgeworfen, jüdisches Gold, das die Nazis gestohlen hatten, gekauft zu haben. Weiter wird dem Land vorgeworfen, Guthaben, die während des Kriegs in der Schweiz deponiert worden waren, nach dem Krieg nicht freiwillig an die Angehörigen der verstorbenen Anleger/-innen ausbezahlt zu haben. Weiter sieht sich die Schweiz mit dem Vorwurf konfrontiert, sie habe den Krieg verlängert, da sie Deutschland mit Kriegsmaterial beliefert habe.
All diese Vorwürfe wurden Ende des 20. Jahrhunderts von einer Kommission unter der Leitung des Historikers François Bergier untersucht. In ihrem 2002 veröffentlichten Bericht kommt die Bergier-Kommission zum Schluss, dass die Schweiz nicht nur vielen Tausend Juden die Einreise in die Schweiz verweigerte, sondern einige direkt an Deutschland auslieferte. Ausserdem bestätigt der Bericht den Vorwurf, dass Vermögen in der Höhe von mehreren Millionen Franken als nachrichtenlos erklärt wurde.
Dieser Bericht ist ein wichtiges Instrument für die differenzierte Auseinandersetzung der Schweiz mit der Kriegszeit. Vor der Diskussion um die nachrichtenlosen Vermögen hatte eine solche Auseinandersetzung nur sehr oberflächlich stattgefunden.
Das Wort Neutralität wurde in der Schweiz missbraucht. Wir sind im Begriff aus einem abstrakten Konzept einen Fetisch zu schaffen und das reale, unmittelbare Konzept der Unabhängigkeit zu vergessen. Wenn wir bedroht werden, sollten wir nicht neutral bleiben, sondern für die Freiheit kämpfen...
René Payot, (1894 - 1970) im Radio Genève, am 1. Januar 1940
An sechs Tagen pro Woche arbeiten die Schweizer für Hitler-Deutschland, am siebten Tag beten sie für einen Sieg der Briten.
Schweizer Kriegswitz
Externe Links
- Die Schweiz und der Zweite Weltkrieg Das Schweizer Parlament
- Unabhängige Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg Historischer Dienst EDA
- Carl Lutz und die Rettung der Budapester Juden raoul-wallenberg.de
- Diakonissen während des 2. Weltkriegs Baselland
- Schweizer Katholizismus 1933-1945 Schweizerische Kirchenzeitung
- Alltagsleben und Aktivdienst ideesuisse - Audiovisuelles Archiv der SRG SSR


